Kügeli

Shetty Wallach 1997

(80cm)

 

Florian hatte im 2015 noch als Hengst einen neuen Möhrchengeber gesucht.

Nachdem seine Mutter gestorben war, musste er in eine Pferde-innenboxe umziehen, weil der Tierschutz meinte, in seinem grossen Auslauf mit eigenem Stall, hätte er zu wenig Kontakt zu Artgenossen. In seinem Auslauf hatte er aber jeden Tag einen Hengst als Nachbar und war nur in der Nacht alleine. In der Boxe sah er gar kein Pferd mehr über die hohen Wände.

Voller Freude haben wir ihn besichtigt. Mich hatte er in die Jacke gebissen und nicht mehr los gelassen bis er mit Gras abgelenkt wurde. Meine Kollegin hat er von hinten angestiegen. Auf dem Spaziergang liess er sich anstandslos führen und so beschlossen wir auf dem Nachhauseweg, dass wir ihn nehmen. 

Sein Benehmen bekommen wir schon in den Griff, er ist ja nur ein Shetty...

Den Termin für die Kastration hatten wir vorab schon mit dem Tierarzt abgemacht. Eine Woche später haben wir ihn dann abgeholt. Florian stieg super in den Hänger und ist die ganze Fahrt über ruhig geblieben. Im neuen Stall angekommen, durfte er sein Iglu beziehen und die neuen Kollegen über die Abschrankung kennen lernen.

Am nächsten Tag nahmen wir ihn auf den Reitplatz hinaus und wollten ihn ein wenig bewegen.

Tja, Florian hatte andere Ansichten von Bewegen. Der kleine Hengst stieg und lief auf seinen Hinterbeinen mit offenem Maul auf meine Kollegin zu und biss sie in die Brust. Dann hat sie ihn mir gegeben und ich konnte ihn nur noch am Halfter halten mit aller Kraft und habe darauf gehofft, dass er sich ein wenig Beruhigen würde. Als dann das Halfter immer mehr über seine Nase rutschte und klein Hengst immer noch voll auf Angriff war, habe ich losgelassen, meine Beine in die Hand genommen und bin so schnell wie möglich vom Reitplatz runter gerannt.

Die Pensionäre welche zugeschaut hatten und wir selber waren echt geschockt über den kleinen Zwerg, der uns vom Platz gescheucht und sich dann genüsslich auf den Teppichschnitzeln gewälzt hatte.

In den Stall lief er dann alleine und dort konnten wir ihm dann den Strick abnehmen. Von ausserhalb der geschlossenen Paneltür.

Am nächsten Tag kaufte ich einen Maulkorb den er ab sofort anziehen musste, wenn wir in seinen Stall wollten. Zusätzlich wurde er angebunden und zwar immer zuerst von aussen den Strick ans Halfter gemacht und kurz angebunden und erst dann sind wir zu ihm hinein.

Zwei Tage später war der Termin für die Kastration. Zu 3 mussten wir ihn halten, damit man ihn spritzen konnte. 

Frisch kastriert und noch beduselt von der Narkose wollte er schon wieder auf der Hinterhand angreifen, sobald man zu ihm gehen wollte.

So, was machen wir nun mit dem kleinen Teufel...

Wir haben so einiges überlegt und wieder verworfen. Aber hatten echt keine Ahnung, wie wir mit ihm vorgehen sollen. Man kann ihn ja nicht ständig separat halten und immer anbinden, wenn wir zu ihm hinein gehen wollen. Nach dem die Wunde schön abgeheilt war, liessen wir ihn zu den grossen Jungs in den Auslauf. Die haben dann die Erziehung übernommen und haben ihm auf die harte Tour gezeigt, was Anstand ist und man nicht mit gefletschten Zähnen durchs Leben kommt.

In sein kleines Séparée zurück brachten wir ihn mit einer Karotte, die wir von aussen in den Auslauf warfen, warteten bis er drin war und haben die Tür mittels einer Schnur zu gezogen.

Die Kastration hat nach ca. 3 Monaten doch angefangen Wirkung zu zeigen. Er war nicht mehr so voller Hormone und wurde zusehends Ruhiger. Die Jungs haben da natürlich auch sehr viel dazu beigetragen, dass er langsam umgänglicher wurde. Ich habe dann angefangen mit ihm zu "Arbeiten". Eine halbe Runde über den Reitplatz laufen und wieder zurück. Natürlich immer mit Maulkorb dran. Nach ein paar Monaten die ersten Versuche im Gelände eine Runde zu gehen. Kühe waren der blanke Horror für ihn. Da hatte ich alle Hände voll zu tun, um die 80cm zu halten.

Irgendwann habe ich den Maulkorb weg gelassen und habe ihn trotz aller Bedenken frei auf dem Reitplatz laufen gelassen. Wir konnten sehr schnell von einer kleinen Runde zu mehr steigern. Ich habe viel mit Guddis gelobt und ihn in seinem guten Benehmen gestärkt. Die Guddis gab es nur auf dem Boden und nicht aus der Hand.  Natürlich konnte ich ihn nie aus den Augen lassen und musste sehr schnell reagieren, damit wir in keine brenzlige Situation kamen, wo er auf Angriff gegangen wäre.

Wir haben uns dann auch einen neuen Namen für ihn überlegt und sind bei Kügeli geblieben, weil er so einen lustigen Körperbau hat mit eben einem Kügeli in der Mitte.

Nach vielen Übungs-Minuten und Stunden war er so weit, dass ich mit Kügeli und Monti zusammen einen Spaziergang machen konnte. Die Spaziergänge wurden immer länger und Kügeli wurde immer anständiger und umgänglicher in allem. Konnten die Hufe zu Beginn nur mit Maulkorb, angebunden mit zwei Stricken und Hilfsperson gemacht werden, mach ich sie mittlerweile alleine.

Natürlich gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass ich mit Kügeli eines Tages am Langzügel arbeiten kann. Es wird jedoch noch einige Zeit benötigen, bis wir so weit sein werden.

Von ihm lerne ich, dass es viel Geduld in der Ausbildung benötigt und man seine Ziele zuerst einmal weit zurückstellt. Sich an kleinen Fortschritten zu freuen und darauf auf zu bauen. 

 

Kügeli zieht mit mir und Monti weiter in einen neuen Stall, da der Alte aufgelöst wurde.